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"[...] Der nächste Morgen. Ich brach früh auf, um die Landschaft bei Tageslicht durchfahren zu können. Mehr als einmal musste ich das Lenkrad dabei korrigieren. Beim Blick auf die Berge und das Licht, auf die Schatten, die über das Wasser wanderten, hatte ich schlichtweg die Straßen vergessen. Sivert Høyem war an dieser Fahrweise nicht unschuldig. Seine Musik klang überhaupt nicht, als stamme sie von einem Künstler, der zwischen den Fischern und Farmern in Stokmarknes aufgewachsen war (was soll schon typisch nordnorwegische Musik sein, sie ist vor allem ungeheuer professionell wie so vieles, was aus der Provinz kommt). Ich hatte mich an einer Tankstelle mit seinem Album »Moon landing« versorgt, schon weil der zentrale Song des Albums eine düstere kleine Durchhaltehymne war, die immer und immer wieder in den Refrain mündete: »I’m going to make this my own moonlanding. I’m going to give this best that I’ve got.« Das war angemessen. Schließlich bog ich kurz vor Harstad, der drittgrößten Stadt Nordnorwegens, auf den Parkplatz eines einflussreichen Unternehmens ein, dessen Vorstandsvorsitzender gerade den bescheidenen Satz »Where we lead others will follow« geprägt hatte – eineinhalbtausend Kilometer entfernt von hier.

Ob sie in Stavanger, dem Hauptsitz des Energiegiganten Statoil mit seinen weltweit 25.000 Mitarbeitern, überhaupt wussten, dass in der Außenstelle Harstad bereits der erste ausgestopfte Eisbär im Foyer steht? »Wow, ein Eisbär«, sagte ich vorsichtshalber, als mich die Pressedame mit der für diese Berufsgruppe üblichen Mischung aus echter Freundlichkeit und knallhartem Kalkül begrüßte. Sie ging auf den Eisbären nicht ein. Sie fragte, ob ich einen Kugelschreiber mit dem neuen Logo haben wollte: einer Art Nordstern, der die Firmenvision »Crossing energy frontiers« verdeutlichen sollte. Dann führte sie uns durch ein menschenleeres Bürogebäude: »Ist ja Sonntag.«

Oben, in den Korridoren der Macht, stand Helge Eriksen, der Bürgermeister von Harstad, mit einem kleinen Empfangskomitee vor einem Kaffeeautomaten. Er wartete, bis ich allen die Hand geschüttelt hatte, und geduldig wartete er auch im Büro, bis Svein Johnny Grønhaug als »Statoil-Industrikoordinator Nord-Norge« und Gastgeberin Anita Andersen Stenhaug die Visitenkarten auf den Tisch legten.

Geduld.

Vielleicht lernt man das in einem Ort, der 350 Kilometer
nördlich des Polarkreises auf das goldene Zeitalter wartet.

[...]

Der Norden hatte Fisch, Gas, Öl, mineralische Rohstoffe und ein atemberaubendes Panorama. Der Norden hatte Zukunft, sobald Oslo nur endlich grünes Licht für die notwendigen Vorbereitungen gab und klar war, dass einige Jahre nach den Probebohrungen die Produktion im Norden anlaufen könnte. »Wir können hier oben nicht weiter das ganze Jahr am Kai stehen und auf Touristen warten«, sagte Anita Andersen Stenhaug, »wir müssen die ganze Palette unserer Möglichkeiten ausschöpfen, ohne uns einseitig von einem einzigen Standbein abhängig zu machen. Und ganz nebenbei«, sie zeigte auf das kleine Modell eines Unterwasserroboters, der am Ende des Tisches stand, »es wird hier oben keine Bohrinseln geben, die direkt vor der Küste sichtbar sind. Solche Plattformen sind nur vorübergehend notwendig. Wir werden diese Maschinen unter Wasser installieren und das Gas irgendwo auf den Vesterålen an Land führen.«

In Bø zum Beispiel, einer kleinen Kommune im Westen von Langøya, deren Bevölkerung sich seit den fünfziger Jahren halbiert hat.

»Die jungen Leute wollen an die Zukunft glauben«, sagte Helge Eriksen, der Bürgermeister, »Es kommt auf den Optimismus an, den ein Ja zu den Unternehmungen vor unseren Küsten auslösen wird.« Diese Sätze waren so schön, dass ich auf das Angebot zurückkam, einen der neuen »Statoil«-Kugelschreiber in meine Tasche stecken zu dürfen."



Aus dem Kapitel "Die Romantik ist eingefroren", Matthias Hannemann. Der neue Norden. Die Arktis und der Traum vom Aufbruch. Verlag Scoventa. 216 Seiten. 19.90 Euro. Erhältlich im Buchhandel. ISBN-10: 3942073021. ISBN-13: 978-3942073028. Mehr zum Buch hier





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